Manches muss man einfach mal ausprobieren, auch wenn man weiß, dass einem das nicht so liegt: Traillauf, über schmale Naturpfade, jenseits ebener Wege.
Da gibt es die verrücktesten Sachen in den Bergen. Da wo Höhenmeter mehr zählen als die Streckenlänge. Da wo man sich mehr auf den unebenen Untergrund konzentrieren muss als auf das Tempo. Wo das reine Ankommen mehr zählt als die Zeit.
Ich hatte mich für den SachsenTRAIL im Erzgebirge in der Nähe von Johanngeorgenstadt angemeldet. Nicht für den längsten der dort angeboten Läufe, sondern für den „QuarterTrail“ über „nur“ 20 Kilometer und 550 Höhenmeter. Das sollte reichen, noch dazu bei der Hitze von über 30 Grad (was ich bei der Anmeldung natürlich nicht wusste).
Am Anfang ging das ganz entspannt los durch den Wald. Bergauf, bergab. Bergab kann ich meist gut, mit langen Schritten kann ich da oft andere Läufer überholen. Schwierig wird es auf Singletrails, auf schmalen Wegen, die nur ein hintereinander Laufen erlauben. Dabei muss man noch genau auf Steine und Wurzeln achten. Wenn jemand vor einem läuft und die Sicht versperrt, ist das zusätzlich schwer. Nur selten gibt es Möglichkeiten zum Überholen und dann natürlich mit dem noch größeren Risiko irgendwo daneben zu treten.
So passierte es mir beim Kilometer 4. Wahrscheinlich habe ich eine Wurzel übersehen und blieb hängen. Es ging so schnell, auf einmal schlug ich auf der steinigen Bergabstrecke längs hin. Auf irgendeinen Stein oder eine Wurzel bin ich mit dem Brustbein aufgeschlagen. Den Rest mit den Händen abgefangen. Es war ein riesen Schreck, aber zum Glück tat nichts groß weh, wobei das wohl eher am Adrenalin im Wettkampfmodus lag. Ich sprang sofort wieder auf und konnte weiterlaufen. Ein kurzer Blick an mir runter zeigte, alles dreckig, aber keine wesentlichen Mengen Blut. Nur einige Abschürfungen konnte ich erkennen. Ich hörte jemanden fragen, ob alles ok ist und er hat auch Verbandszeug mit. Ich bedankte mich und lief weiter, wobei es dann etwas verhaltener wurde. An Überholen dachte ich erst mal nicht mehr.
Dieses Bergabstück war dann auch vorbei und der nächste Anstieg kam. Berghoch fällt mir immer schwer und ich habe Mühe mit den anderen mitzuhalten. Außerdem merkte ich dann doch einige Körperstellen brennen. Bald kam eine Verpflegungsstelle, an der man sich Wasser nehmen konnte. Der erste Becher, um den Dreck von den Wunden an den Händen und Beinen zu spülen. Der zweite Becher zur Kühlung über den Kopf und den dritten getrunken. Dann weiter. Bergrunter versuchte ich nicht mehr an den Sturz zu denken um nicht zu langsam zu werden. Berghoch war zwischenzeitlich so steil, dass an Laufen nicht mehr zu denken war. Hier half nur Gehen und das möglichst zügig.
Diesen Wechsel von Laufen und Gehen empfand ich als besondere Herausforderung, weil ich dadurch keinen richtigen Rhythmus entwickeln konnte. Aber das ist eben auch eine Besonderheit bei Trailläufen. Die Hitze tat ein Übriges. An jeder Verpflegungsstelle trank ich Wasser um nicht zu dehydrieren. Ich blieb im Gegensatz zu meiner sonstigen Gewohnheit, wo ich probiere im Laufen zu trinken, auch stehen. Kostet Zeit, aber Ankommen war wichtiger. Wenige Kilometer vor dem Ziel bin ich dann auch noch vom Verpflegungsstand in die falsche Richtung weitergelaufen. Erst einige Meter entfernt, vernahm ich die Rufe, dass ich falsch bin und umkehren sollte.
Die letzten fünf Kilometer wurden recht qualvoll. Irgendwie waren alle Kräfte aufgebraucht. Ich versuchte noch auf den ebenen Wegstücken einigermaßen Tempo zu machen, aber viel ging nicht mehr. Mehrfach guckte ich auf die Uhr wie weit noch, was nicht gut ist, weil man sich besser auf das Laufen konzentrieren sollte.
Irgendwie erreichte ich den Sportplatz, wo sich das Ziel befand. Auf den letzten 200 Metern kamen noch drei junge Kerle von hinten an mir vorbeigesprintet. Da hatte ich überhaupt nichts mehr gegenzusetzen. Ich war einfach nur froh, es über den Zielstrich geschafft zu haben.
Üblicherweise kommt sonst etwas Auslaufen nach dem Ziel, diesmal ließ ich mich einfach auf eine schattige Wiese fallen. Das war übrigens auch nicht ganz einfach, weil jetzt die Wunden wehtaten.
Eine Weile später dann der Blick auf’s Handy nach den Ergebnissen: Altersklasse gewonnen! Ein Glück – dann hat sich die Sache ja doch gelohnt. 😊
